Der gewaltigste Satz

Die Rhetorik lehrt, wie man eine Aussage besonders stark betonen kann. Wer etwas so stark betonen will, dass es wirklich im Gedächtnis der Zuhörer haften bleibt, der möge eine besonders einfache Satzstruktur verwenden, nämlich das schlichte Subjekt – Prädikat – Objekt.

Ein Satz wie: „Der Vater erzieht den Sohn.“ wirkt ungleich stärker als etwa „Die Erziehung des Kindes liegt im Verantwortungsbereich des Erziehungsberechtigten.“ obwohl beide Sätze ungefähr das Gleiche meinen.

Man achte mal darauf, wenn man jemanden reden hört. Wer wirklich etwas zu sagen hat, der bildet quasi automatisch irgendwann einen Satz in dieser Form. Beispielsweise: „Der Vertrag regelt die Bedingungen.“ Der Sinn dahinter: Und daran ist nicht zu rütteln. Und weil daran nicht gerüttelt werden kann, steht der Satz da fest, unverrückbar, momumental als Subjekt, Prädikat, Objekt.

Gut. Das haben wir verstanden.

Jetzt spielen wir damit ein wenig herum. Man könnte auf folgende Idee kommen: Wenn das die stärkstmögliche Satzstruktur ist, dann könnte man ja auch einmal die stärkstmöglichen Satzglieder einsetzen. Wir versuchen also einfach mal, den stärksten Satz zu bilden, der in der Sprache überhaupt möglich ist.

Wer oder was wäre das stärkstmögliche Subjekt? Wer oder was ist am größten und am stärksten? Ein Löwe. Ein Bär. Ein Hurrikan. Ein Elefant. Der amerikanische Präsident. Ein römischer Kaiser. Das Unbewusste. Die Vergangenheit. Die Zukunft. Das Weltall. Das Jenseits. Die Götter. Gott. Die Liebe.

Irgend so etwas von dieser Art muss es ein.

Und welches Verb ist das stärkstmögliche? Lieben. Lehren. Erziehen. Töten. Beleben. Gebären. Erschaffen. Erzeugen. Erfinden. Machen. Besiegen. Gewinnen. Auch hier gibt es viele Möglichkeiten.

Und das größtmögliche Objekt? Die Welt. Das Weltall. Das Universum. Einfach alles.

Jetzt müssen wir uns entscheiden. Fangen wir hinten an. Beim größten Objekt. Das kann ja nur einfach alles sein. Wie nennen wir das? Das Universum? Aber vielleicht gibt es noch etwas außerhalb des Universums. Das müsste auch noch enthalten sein. Also das Universum zusammen mit dem Jenseits. Dafür gibt es bloß kein Wort. Aber OK, noch mehr ist nicht denkbar.

Und das stärkste Verb? Die stärksten Verben sind vielleicht diejenigen, bei denen es um das Erschaffen, Erzeugen, Gebären geht. Wenn ich etwas erschaffe, dann ist da auf einmal etwas, was vorher nicht da war. Etwas Größeres ist nicht denkbar.

Bleibt das stärkste Subjekt. Wir haben auch bereits festgelegt, was dieses Subjekt zu tun hat. Es soll nämlich das Universum und das Jenseits erschaffen. Wer könnte das tun oder getan haben? Vielleicht der aktuelle amerikanische Präsident? Ein entsprechender Satz wäre ihm zuzutrauen. Aber das würde ihm dann doch keiner glauben. Höchstens er sich selber.

Aber jetzt mal ernsthaft beim Spiel bleiben. Wer kann das Universum und das Jenseits erschaffen haben? Letztlich kann nur das wirklich groß und stark sein, was keine bestimmten Eigenschaften aufweist. Alles, was bestimmt ist, könnte auch übertrumpft werden, also muss dieses Subjekt unbestimmt und auch unbestimmbar sein und auch ewig so bleiben. Damit bleibt nur so etwas wie „Gott“ übrig. Der gilt als so unbestimmbar, dass man noch nicht einmal seinen Namen aussprechen darf, so ähnlich heißt es doch in der Religion.

Damit heißt unser Satz: Gott erschafft das Universum und das Jenseits.

Das klingt noch etwas holprig. Was könnte man statt „das Universum und das Jenseits“ sagen? Umgangssprachlich wird das Jenseits auch als „Himmel“ bezeichnet. Das Gegenstück dazu? Das wäre dann „Erde“. Diese Zusammenstellung findet sich beispielsweise in dem rheinischen Mittagsgericht namens „Himmel und Erde“, wobei Erde wie „Ääd“ ausgesprochen wird. Diese Zusammenstellung von „Himmel und Erde“ ist gängig, also nehmen wir das statt dem holprigen „das Universum und das Jenseits“. So erhalten wir „Gott erschafft Himmel und Erde.“

Aber wenn wir schon dabei sind, machen wir den Satz jetzt noch extremer. Man könnte noch eine extreme Zeitbestimmung hinzufügen. Was wäre eine solche? Am Ende. Heute. Jetzt. Nie. Am Anfang.

Am Ende? Macht keinen Sinn. Jetzt? Wäre möglich. Nie? Macht auch keinen Sinn. Am plausibelsten wäre „am Anfang„. Damit geht etwas los. Und weil das in der Vergangenheit war, setzen wir das Verb noch in die Vergangenheitsform. Damit wird aus unserem Satz: „Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“

Und jetzt könnte man noch überlegen, welche Position dieser Satz innerhalb eines Textes haben sollte, damit er seinerseits besonders stark hervorsticht.

Da gibt es nur eine Möglichkeit: Es muss der erste Satz eines Textes sein. Der erste Satz eines Textes ist immer der Zaubersatz. Der erste Satz ist immer derjenige, der eine Welt gebiert.

Damit haben wir den gewaltigsten Satz konstruiert, der entsprechend der Rhetorik in der Sprache überhaupt sagbar ist. Und damit er seine Wirkung voll entfalten kann, muss man ihn an den Anfang eines ebenso gewaltigen Textes stellen:

Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.

Manche Leser werden mich jetzt fragen: Und was wollen Sie damit sagen? Meine Antwort lautet. Nichts. Ich habe nur mit Sprache herumgespielt. Beim Herumspielen mit Sprache habe ich lediglich nebenbei bemerkt, dass der gewaltigste Satz, der sich in der Sprache nach Anwendung rhetorischer Regeln bilden lässt, bemerkenswerterweise mit dem ersten Satz der Bibel übereinstimmt.

Und das passt doch auch. Die Bibel ist ein gewaltiges Buch. Und sie beginnt mit dem gewaltigsten Satz, der möglich ist.

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1 Gedanke zu “Der gewaltigste Satz”

  1. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass Stärke nicht viel mit Schönheit zu tun haben muss. Ein Satz, der übrigens auch am Anfang steht, und von einer deutschen Stiftung zum schönsten ersten Satz 2007 gekürt wurde, übrigens ganz ohne Objekt (!) lautet „Und Ilsebill salzte nach.“

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